Dabei auf dem ersten Aids Walk auf Chinas Großer Mauer

Julia Broska studierte Biologie, bevor sie 2011 mit dem Stipendium „Sprache & Praxis in China“ nach Peking ging. Ihr Praktikum im Rahmen des Programms verbrachte sie bei der International Union for Conservation of Nature. Im Anschluß ging sie für die Welthungerhilfe zunächst nach Nordkorea. Nach Stationen in verschiedenen Ländern der Welt leitet sie für ihren Arbeitgeber aktuell das Programm in Afghanistan.

  

Julia, was bewegte Dich als Biologin, nach China zu gehen?

Ich wollte immer schon im Ausland arbeiten, hatte mich aber lange in der Forschung gesehen. Erst nach einem Auslandsaufenthalt in Südafrika kurz vor Studienabschluss entstand mein Wunsch, in der Entwicklungszusammenarbeit zu arbeiten. Es war klar, dass ich dazu mehr Auslandserfahrung brauchen würde. Sehr hilfreich wäre im Idealfall auch eine weitere Fremdsprache.

Daher habe ich mich nach Studienabschluss nach Programmen umgesehen, die genau dies bieten konnten. Das Stipendienprogramm „Sprache und Praxis“ passte perfekt und so ging ich im Herbst 2011 als eine der Stipendiaten des Jahrgangs 16 nach Peking.

Das Praktikum, welches die zweite Hälfte des Stipendiums ausmacht, verschaffte mir meinen Einstieg in die Entwicklungsarbeit. Ich konnte für sechs Monate bei der International Union for Conservation of Nature, im Landesbüro China in Peking, mitarbeiten. Ein halbes Jahr nach Abschluss des Programms wurde ich aufgrund meiner Regionalerfahrung in China für die Deutsche Welthungerhilfe e.V. als Monitoring-Fachkraft für landwirtschaftliche Projekte in Nordkorea rekrutiert.

Mittlerweile arbeite ich seit vier Jahren für die Welthungerhilfe. Nach Stationen in Nordkorea, Sierra Leone, Deutschland nun seit einem Jahr als Head of Programmes in Kabul, Afghanistan.

 

Was hat Dir persönlich die Zeit in China mitgegeben?

Das Stipendium hat so viele Erfahrungen ermöglicht, vor allem die Zeiten außerhalb des Unterrichts. Sich in China zurecht zu finden erfordert eine starke Anpassungsbereitschaft. Fast nichts läuft so, wie man es sich als Deutsche vorstellt oder wie wir es gewohnt sind. Und mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen; damit erreicht man hier gar nichts. Insofern waren für mich die Erfahrungen am wertvollsten, die mir eine ganz neue Welt erschlossen haben. Eine neue Welt der Kommunikation, der Verhandlung, und alternative Wege der Zielerreichung.

Ich habe es der Zeit in China zu verdanken, dass ich den Einstieg in meinen Traumjob so einfach geschafft habe. Dabei stand die Regionalerfahrung im Vordergrund. Ohne Vorerfahrung in Ostasien ist es nicht einfach, sich in der nordkoreanischen Kultur und Lebensweise zurecht zu finden. Das war für meinen Arbeitgeber damals entscheidend.

Und bestimmt bleibt das nicht die letzte Tür, die mir das Stipendium eröffnet hat! Mal sehen, was die Zukunft bringt. (Julia überlegt einen Moment und ergänzt dann:)

Der Berufseinstieg und die Persönlichkeitsentwicklung sind allerdings längst nicht alles. Ich habe noch enge Freundinnen aus der Stipendienzeit, und wir treffen uns, wann immer wir es einrichten können. Das ist bei einer Verteilung über verschiedene Kontinente natürlich nie ganz einfach; aber die intensive Zeit in China bringt haltbare Freundschaften mit sich. Das Alumni-Netzwerk hilft mir ebenfalls, die Kontakte aus der Zeit weiterhin im Blickfeld zu behalten.

  

Du bist jemand, die nicht ausschließlich auf China „eingeschossen“ war; hast die Zeit dort als sehr bereichernd erlebt. Wem würdest Du das Programm ans Herz legen?

Ich kann das Stipendium jedem empfehlen, der sich nach dem Studium abenteuerlustig fühlt! Es klingt erst einmal recht lang und nach einem verzögerten Berufseinstieg. Die Erfahrung aus der Zeit ist dafür extrem wertvoll und es können eben, so wie es bei mir der Fall war, ganz neue Türen aufgehen.

Ja, und Du solltest auch ein gewisses Durchhaltevermögen mitbringen: die chinesische Schrift kann einen gelegentlich in Frustration stürzen!

Persönlich ist die Zeit unheimlich bereichernd. Einige Monate im Land und Du veränderst Deine Perspektive. Man gibt hier seine eurozentrische Weltsicht auf. Und allein das ist es in jedem Fall wert!

Man gibt hier seine eurozentrische Weltsicht auf. Allein das ist es in jedem Fall wert!

Ganz im Ernst, Du wirst mit neuen Denkweisen konfrontiert, die einem oft erst bewusst machen, wie sehr man verhaftet war in einer „deutschen“ Perspektive. Warnen kann ich in dem Zusammenhang dann eigentlich nur vor dem „reversed culture shock“ bei der Rückkehr nach Deutschland – denn hinter den eigenen Horizont wieder zurück treten kann man nicht mehr!

  

Was empfiehlst Du den neuen Stipendiaten, wenn sie in Peking ankommen? 

Nicht ärgern, wenn man am Anfang ein paar Mal auf Touristenabzocke hereinfällt – das bleibt in den seltensten Fällen aus. Sobald man die Sprache beherrscht, legt sich das. Bleibt ruhig bei Diskriminierung, positiver wie negativer. Es gibt Schlimmeres als heimlich fotografiert zu werden und der Ärger über das Ignoriert werden von Taxifahrern verfliegt auch wieder.  

Ich habe mir Rückzugsorte gesucht, das war für mich wichtig. Peking ist sehr dicht und es gibt wenig Grün. Der Weg raus aus der Stadt ist lang. Um mich zu entspannen, habe ich viel Zeit in Parks verbracht. Und das zu Tageszeiten, zu denen man sich dort relativ ungestört aufhalten konnte.

 

Gibt es etwas Besonderes aus den Jahren, woran Du Dich noch erinnerst?

Eine ganz persönliche und wertvolle Erinnerung der SP Zeit ist für mich der erste „China AIDS Walk“, der 2012 von einem Mitstipendiaten im Verbund mehrerer NGOs auf der Great Wall organisiert wurde. Dies gab mir die Möglichkeit, mein ehrenamtliches Engagement in Deutschland zumindest ansatzweise fortzuführen und auch einen first-hand Einblick in die Arbeit und Möglichkeiten chinesischer NGOs zu bekommen. Die Arbeit dieser NGOs hat meinen größten Respekt. Ich bin dankbar und stolz, dass ich ein Teil dieser Initiative sein konnte.

 

Berichte von Julias Arbeit bei der Welthungerhilfe findest Du über diesen Link.

 

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