Als Architektin am Puls der Zeit leben

Christa Hillebrand studierte Architektur und hatte bereits erste Berufserfahrungen in der Bauberatung, bevor sie mit dem Graduiertenstipendium Sprache & Praxis im Jahre 2004 nach Peking ging. Ihren Praxiseinsatz begann sie bei der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit für ein Projekt in Tangshan, für welches sie insgesamt drei Jahre unter anderem im Pekinger Bauministerium tätig war.

Im Anschluß wechselte sie in die Pekinger Niederlassung des Hamburger Architekturbüros von Gerkan, Marg und Partner (gmp). Heute ist sie als Chief Architect in der China-Abteilung von gmp in Berlin tätig.

Christa, was hat Dich als Architektin an China gereizt?

Während meines Hauptstudiums in Darmstadt hat sich durch Zufall die Chance auf ein 3-monatiges Auslandspraktikum bei dem Architekturbüro Obermeyer Planen + Beraten in Peking ergeben. Abenteuerlust und die bereichernden Erfahrungen aus einem Erasmusjahr in Florenz haben mich nicht zögern lassen, sofort die Tasche zu packen und los zu ziehen. Vor Ort habe ich dann die S&P Stipendiatin Vera Deus kennengelernt und auf diese Weise von dem umfangreichen Sprache & Praxis Stipendium des DAAD‘s gehört. Die Aussicht, mit einer vorherigen fundierten Sprachausbildung in die faszinierende Welt Asiens vorzudringen, hat mich schnell überzeugt.

Als dann das Studium sich dem Ende neigte und insbesondere die Baubranche eine Krise nach der anderen durchwanderte, fiel die Entscheidung nicht schwer, erste Berufserfahrungen einfach im Ausland zu sammeln. Als Architektin gab es damals die Wahl zwischen boomenden Märkten in London, Dubai oder China. Gerade als Frau fiel für mich Dubai schnell raus und London war zu wenig Abenteuer. Ich sah für mich eindeutig die bessere berufliche Perspektive in China.

Hätte etwas Kürzeres wie ein Austauschsemester nicht einen schnelleren Berufseinstieg bedeutet?

Mir war schnell klar, dass gerade der Alltag in China nur schwer ohne Sprachkenntnisse zu bewältigen ist. Die Chance, sich ein Jahr voll auf das Erlernen dieser Sprache und seiner faszinierenden Schrift konzentrieren zu können, erschien mir als schierer Luxus. Und so war es auch – denn alle Kollegen, denen ich im späteren Verlauf begegnet bin, haben mich um diesen Vorteil beneidet. Sich der chinesischen Sprache in den Abendstunden, im Anschluss an ein anstrengendes Arbeitspensum, nähern zu wollen, ist sehr sehr mühsam. Ich habe auch später immer noch Privatunterricht genommen und war sehr froh über meine fundierten Basiskenntnisse.

Nach unserer Sprachausbildung an der Pekinger Fremdsprachenuniversität (BFSU) oder auch einfach „BeiWai“, habe ich mich für die Praxisphase um ein Projekt bei der Gesellschaft  für Technische Zusammenarbeit (heute giz) in Tangshan beworben.

Das Projekt „Energieeffizienz im Gebäudebestand“ umfasste unter anderem ein Demonstrationsvorhaben in Tangshan, bei dem drei für Nordchina typische Plattenbauten mithilfe deutscher Industriebeteiligung saniert und messtechnisch begleitet wurden. Man wollte die deutschen Erfahrungen in der umfangreichen Sanierung ostdeutscher Fertigteilbauten nutzen und ihre Anwendbarkeit auf Nordchina prüfen.

Hierfür saß ich als Technical  Advisor in der Abteilung für Internationale Projekte am Pekinger Bauministerium. Nach Beendigung der 3-jährigen Projektphase habe ich die gtz verlassen und bin zu der Pekinger Niederlassung des deutschen Architekturbüros von Gerkan, Marg und Partner gewechselt.

Aktuell bin ich Chief Architect in der Chinaabteilung von Gerkan, Marg und Partner in Berlin.

Was gibt man auf, wenn man nach China geht? Und ist es das wert? 

Man kommt mit Leuten aus aller Welt zusammen, die auf eine verrückte Art und Weise ähnlich ticken.

Man muss sich im Klaren darüber sein, dass das Leben in Deutschland weitergeht, auch wenn man selbst nicht dabei ist. Man wird einige alte Freunde verlieren, weil man nur an Weihnachten und noch maximal ein zweites Mal im Jahr vorbeischaut und den Anschluss verliert. Man wird Familienfeste, Hochzeiten von Freunden und Geburten verpassen. Das kann hart sein, aber auf der anderen Seite hat man die Chance viele neue Freundschaften aufzubauen. Man kommt mit Leuten aus aller Welt zusammen, die auf eine verrückte Art und Weise ähnlich ticken, gerade weil sie sich auch für China entschieden haben. Darüberhinaus habe ich Asien für mich entdecken können. Die zahlreichen kleinen Reisen, die von Peking oft nur noch ein Katzensprung sind, waren einfach horizonterweiternd.

Wenn Du an Deine persönliche Situation denkst: Wie haben Dich die zwei Jahre bereichert?

Wenn man in China lebt, kostet das viel Energie, da sowohl der berufliche als auch der persönliche Alltag sehr viel schnelllebiger ist, als das Leben in Deutschland. Gleichzeitig gibt einem China aber auch sehr viel zurück. Man hat wirklich das Gefühl am Puls der Zeit zu leben. Freundschaften weit weg von der Heimat entwickeln sich schnell sehr intensiv und sind sehr belastbar, was einem einen starken Rückhalt gibt.

Letzendlich hat mir das SP Programm die Chance gegeben, meinen Weg zu finden. Ich habe insgesamt  7 Jahre beruflich in Peking verbracht. Mein gesamter Freundeskreis besteht auch hier in Berlin zu einem Großteil noch aus ehemaligen Chinakontakten.

Selbst meine große Liebe habe ich in China kennengelernt – was will man mehr…

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