Als Architektin – nach China und zurück
Binke Lenhardt besuchte im Oktober 2001 zum ersten Mal Peking. Das DAAD-Stipendium trat sie ein Jahr später an. Ihr Praktikum absolvierte sie beim Beijing Institute of Architectural Design (BIAD), einem staatlichen Architekturbüro. Es folgte die Gründung ihres eigenen Büros in China; 2025 folgte der Ruf auf eine Professur für Nachhaltiges Entwerfen in Dortmund. Binke erklärt, warum sie sich dem Programm Sprache & Praxis verbunden fühlt – und warum Sprache & Praxis auch nach über 20 Jahren in einem „anderen China“ weiterhin wichtig ist.
Wo stehst du aktuell?
Ich bin Partnerin im Architekturbüro Crossboundaries. Das Büro habe ich 2005 zusammen mit meinem Mann in Peking gegründet. 2012 kam ein weiteres Büro in Frankfurt hinzu. Seit 2025 unterrichte ich außerdem hauptberuflich an der FH Dortmund als Professorin für Nachhaltiges Entwerfen.
Was hat dich an China gereizt?
Im Oktober 2001 reisten mein Mann und ich erstmals gemeinsam nach Peking. Wir hatten uns beim Architekturstudium in New York kennengelernt. Für ihn war es nach mehreren Jahren sein erster Besuch in seiner Heimatstadt. Mich faszinierte die fremde Kultur, seine chinesische Familie nahm mich herzlich auf und verwöhnte mich kulinarisch. Viele Orte, die er mir zeigen wollte, gab es nicht mehr – bei unseren Streifzügen durch die Stadt wurde mir klar, wie schnell sich Peking um die Jahrtausendwende veränderte. Das hat mich tief beeindruckt.
Was hat dich bewogen, dich für das Stipendium zu bewerben?
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 änderte sich die Stimmung in New York stark. In China – und besonders in Peking – herrschte hingegen Aufbruchsstimmung: Die Vergabe der Olympischen Spiele 2008 bot viele Möglichkeiten für Peking. Diese Atmosphäre spürte ich bereits während unseres Urlaubs. Mein Mann wollte unbedingt zurück, und ich bewarb mich für das Programm Sprache & Praxis, weil ich mit ausreichender Unabhängigkeit den Schritt nach China wagen wollte. Es war meine Chance, dort mit meinem eigenen Tempo zu starten und meine eigene Karriere aufzubauen. 2002 zogen wir beide nach Peking – ich als DAAD-Stipendiatin.
Was war besonders in all den Jahren in China?
Ich erinnere mich gut an meine Zeit während des DAAD-Stipendiums an der Beijing Normal University. Kurz darauf brach SARS aus – ungefähr ein halbes Jahr nach Beginn des Sprachkurses. Ich erinnere mich an kalte Tage mit blauem Himmel. Die vollen Straßen waren plötzlich leer, das Leben schien stillzustehen. Ich war damals viel mit dem Rad und dem Bus unterwegs. Es war interessant, gleichzeitig aber auch sehr beunruhigend. Wir Stipendiaten lasen Berichte über SARS in der deutschen Presse – doch das, was wir in Peking erlebten, deckte sich nicht unbedingt mit den Berichten.
Fast zwei Jahrzehnte später wiederholte sich die Erfahrung während der COVID-Pandemie: Wieder erlebte ich chinesischen Pragmatismus und auch Herzlichkeit inmitten einer ungewissen Zeit. Als mein damals 12-jähriger Sohn nach längerem Aufenthalt in Deutschland nach China zurückkehrte und in Quarantäne musste, hatte ich große Befürchtungen. Doch entgegen vieler Berichte durfte ich selbstverständlich und ohne Einschränkungen das Quarantänezimmer mit ihm teilen.
Woran aus deiner S&P-Zeit erinnerst du dich besonders gern?
Ich denke oft an mein Praktikum im BIAD, das danach in ein festes Arbeitsverhältnis überging. BIAD war damals eines der großen staatlichen Designinstitute und beschäftigte über 3000 Mitarbeiter, davon circa 400 Architekten und Architektinnen. Das Institut war organisiert in Abteilungen und kleineren Studios. Damals herrschte großes Interesse daran, eine ausländische Entwurfsarchitektin aufzunehmen. Ich brachte Büroerfahrung aus New York, Holland und Deutschland mit. Im Team spürte ich den Wunsch nach Veränderung.
Bei einem wichtigen chinesischen Wettbewerb fertigten Entwurfsteams aus verschiedenen Abteilungen Varianten, die dann intern präsentiert wurden.
Der damalige Präsident fragte mich nach meiner Meinung zu den Konzepten. Ich war sehr ehrlich und kritisierte einige Punkte.
Heute würde ich wahrscheinlich anders handeln und mich etwas mehr zurückhalten. Doch die chinesischen Kolleg:innen reagierten diplomatisch. Sie nahmen meine Anmerkungen zum Anlass für eine zweite Runde und forderten mich auf, selbst einen eigenen Entwurf beizusteuern. Bei der nächsten Präsentation stellte ich meinen Vorschlag vor – die Führung ging interessiert darauf ein und schlug vor, das Modell und die Pläne im Archiv aufzubewahren, wohin es dann sogleich verschwand. Ein anderer Entwurf – einer der ursprünglich eingebrachten Alternativen – wurde weiterverfolgt; meine Anmerkungen aus der Vorrunde wurden aber nicht übernommen.
Im Jahr 2005 ergab sich durch ein selbst akquiriertes Projekt die Möglichkeit der Gründung eines eigenen Architekturbüros, aber die Zusammenarbeit mit BIAD bestand weiter und besteht bis heute.
Wovon hast du am meisten profitiert?
Der finanzielle Zuschuss durch den DAAD in der Praxisphase – damals 10 Monate, inzwischen 6 Monate – machte es dem Designinstitut einfacher, mich einzustellen. Das Chinesisch, das ich im zweisemestrigen Sprachkurs an der Beijing Normal University gelernt hatte, gab mir eine solide Basis. Einige Kollegen nahmen sich Zeit, Abläufe zu erklären und begleiteten mich im Alltag. So musste ich Chinesisch sprechen und anwenden. Dennoch fühlte ich mich sprachlich und kulturell erst nach circa drei Jahren wirklich sicher. Rückblickend fällt es mir schwer einzuschätzen, wie viel ich in den ersten Jahren wirklich verstanden hatte – sowohl sprachlich als auch kulturell.
Was hat sich seitdem verändert?
In den Nullerjahren wurde man als ausländische Architektin oder als ausländischer Architekt gesehen – und zugleich gefordert. Ich habe das immer als Chance verstanden und gelernt, mit dieser Sichtbarkeit umzugehen. Kurz vor COVID waren ausländische Architekt:innen in den Büros der großen Städte zahlreich.
Welche Trends in der Architektur hast du in deinen 23 Jahren in China miterlebt?
In den Anfängen entwarf Crossboundaries vor allem kleinere und exklusive Projekte – zum Beispiel die „Family Box“. Dort gab es einen Pool mit 32 °C warmem Wasser für das Babyschwimmen, so etwas gab es vorher nicht, und einen „Prinzessinnenraum“ für Geburtstagsfeiern.
Ab etwa 2015 begann in Peking und im Süden Chinas eine große Welle von Schulbau- und Sanierungsprojekten. Wir konnten viele Projekte realisieren. Ein erwähnenswertes Beispiel ist die Jinlong School in Shenzhen, die wir 2018 geplant haben. Um die Schule in nur insgesamt 13 Monaten Bau- und Planungszeit fertigzustellen, setzten wir vorfabrizierte Elemente ein. Bereits damals arbeitete unser Projektpartner mit einem Gebäudeinformationsmodell (BIM) – ein Standard, der mittlerweile auch in deutschen Projekten üblich ist.
Unsere Erfahrung im Schulbau führte zu Auftragsstudien für Lehr- und Lernkonzepte. Um unserem Anspruch an guten Schulbau gerecht zu werden, wollten wir besser verstehen, was gutes Lernen ausmacht. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte Crossboundaries ca. 15 chinesische und internationale Architekt:innen. Wir waren damit gut ausgestattet für weltweite Recherche und Konzeptentwicklung. Im Rahmen dieser Studien haben wir selbst Lehrformate für Kinder entwickelt. Unter der Marke Crossboundaires-X lernten Kinder in einfachen Übungen, kombiniert mit Touren durch die Stadt, und heute auch mit Unterstützung von KI, räumliche Konzepte zu entwerfen und zu bewerten.
Wir entwickelten das Curriculum selbst und führten den Unterricht in den Ferien oder am Wochenende durch.
Bis heute ist Architektur aber einer der Hauptschwerpunkte des Pekinger Büros.
Rückblickend gab es viele Chancen, Neues auszuprobieren. Vor COVID waren Bauherr:innen visionärer und offener für Experimente. Seither werden nicht nur Projektkosten schärfer kalkuliert, insgesamt ist der Spielraum für Experimente deutlich kleiner und seltener geworden.
Was macht den besonderen Charakter des Programms Sprache & Praxis aus?
Mein Netzwerk aus der China-Zeit ist sehr wertvoll. Ich habe neugierige Menschen kennengelernt, die sich darauf eingelassen haben, China zu entdecken – und den Aufwand nicht gescheut haben. Einigen Jahrgängen konnte ich durch Projekte meines Büros führen und sie bei ihrem Antritt in Peking willkommen heißen.
Durch das Programm verbindet uns vieles: gemeinsame Erfahrungen, Sprachunterricht, die Herausforderung der Kommunikation – oft über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg. Auch wenn man sich lange nicht sieht oder neue Jahrgänge kennenlernt, kommt man schnell ins Gespräch. Das Interesse an China bleibt bei vielen, die schon lange zurück in Deutschland sind, weiterhin groß.
Warum würdest du als Professorin 2025 deinen Absolvent:innen raten, sich für S&P zu bewerben?
Zunächst einmal halte ich in diesen global schwierigen und unsicheren Zeiten den internationalen und interkulturellen Austausch für besonders wichtig.
China ist heute eine wirtschaftlich starke Weltmacht. Uns Europäern erschließt sich die chinesische Kultur jedoch immer noch vergleichsweise schwer. Gerade deshalb bietet das Programm Sprache & Praxis für junge Architekt:innen aus Deutschland einen idealen Rahmen. In China entstehen weiterhin Schlüsselprojekte, bei denen Nachhaltigkeit und Digitalisierung weltweit vorangetrieben werden. Seit COVID ist die Zahl ausländischer Architekt:innen zurückgegangen – natürlich auch wegen rückläufiger Bautätigkeit in den Städten. Doch fernab der großen Metropolen gibt es im ländlichen Raum neue Aufgaben.
Die größte Chance des Programms bleibt weiterhin die Möglichkeit, in anderthalb Jahren andauernde Freundschaften mit Chinesen zu schließen und China ein bisschen besser zu verstehen. Das gilt für Absolventinnen und Absolventen aller Fachrichtungen.
Binke, vielen Dank für das Interview.
Das Interview führte Iris Belle